Die Niyamas | Wie du Glück im Umgang mit dir selbst findest

Was mich am Yoga so fasziniert, ist, dass es eben nicht nur um Bewegung geht, sondern um eine ganzheitliche Lebensausrichtung. Yoga vereint bewusste Körperübungen und Atmung mit Philosophie. Yoga ist ein achtgliedriger Pfad, der den Menschen zu Ruhe und Klarheit des Geistes bringt. Neben den Asanas, den Körperübungen, gibt es weitere Dinge, die uns helfen, diese innere Zufriedenheit zu erlangen, wie z.B. Yamas, Ratschläge zum Umgang mit anderen. Ein anderer Teil davon ist eine Art und Weise des Umgangs mit dir selbst – die Niyamas. Patañjali beschreibt sie in den Yoga Sutras 2.40 bis 2.45. Für mich sind diese philosophischen Empfehlungen zum Umgang mit dir selbst ganz wunderbar, weshalb ich euch davon erzählen werde.

Die Niyamas

  1. Sauca | Reinigung und Reinheit
  2. Samtosa | Zufriedenheit
  3. Tapas | Regelmäßigkeit und Disziplin
  4. Svadhyaya | Selbstreflexion
  5. Ishvara Pranidhana | Vertrauen und Hingabe

1. Sauca

Reinigung und Reinheit

Reinige deinen Körper und Geist regelmäßig. Deinen Körper zu reinigen bedeutet nicht nur, dich äußerlich zu waschen, sondern dich auch innerlich „sauber“ zu halten. Das heißt also mit dem, was du zu dir führst, möglichst wenige Giftstoffe zu dir zu nehmen (da gehört der Wein- oder Zigarettengenuss leider dazu – daran arbeite ich auch noch 😉 ). Nimm gesunde Mahlzeiten ein, iss Dinge, die dir gut tun – nicht beim Essen sondern danach. Achte mal darauf wie du dich nach einer bestimmten Mahlzeit fühlst. Mir geht es so, dass ich mich nach Mahlzeiten mit frischem Gemüse oder leichtem Getreide sehr wohl und fit fühle. Wenn ich dann doch mal wieder meine eine ganze Pizza mit Käse zu verspeisen, weiß ich warum mein Magen sich weniger wohl fühlt und ich nach dem Essen zwei Stunden lang recht lethargisch bin. „Your body is a temple“ hast du sicher schon mal gehört. Eine Yoga-Freundin hat es ganz toll beschrieben: Einen Tempel würdest du auch jeden Tag fegen, schauen ob alles noch funktioniert oder ob es Reparaturen braucht und vor allem unnötigen Verschleiß vermeiden.

Dazu gibt es in den alten Yoga-Schriften auch mögliche Reinigungspraktiken, die Kriyas. Was ich davon übernommen habe ist z.B. das Reinigen der Zunge am Morgen. Dazu nehme ich nach Empfehlung einer ayurvedischen Beratung einen Zungenschaber aus Kupfer. Außerdem spüle ich auch nach Bedarf meine Nase – klingt erstmal eklig, wenn du es noch nicht gehört hast, aber es wirkt Wunder! Gerade wenn man in staubigen Räumen war, angeschlagen oder erkältet ist, atmen danach ganz frei! Dazu habe ich ein kleines Gefäß für Nasenduschen und spezielles Nasenspülsalz (gibt es dann auch im Nachfüllpack) ausprobiert und für sehr gut befunden. Es ist so klein, dass ich es auch auf Reisen einfach in meiner Waschtasche habe.

Neben der körperlichen Reinigung solltest du auch deine Gedanken „rein“ halten. Versuche dich von Vorurteilen oder voreiligem Schubladendenken zu befreien. Versuche auch weise mit deinen Worten umzugehen (ich denke da nur an das viele Fluchen oder sich selbst beschimpfen). Zu dem Thema empfehle ich dir auch mal über Ahimsa und Satya zu lesen.

Natürlich kannst du die Reinheit auch in dein Umfeld bringen, in dem du nicht in kompletten Chaos versinkst, sondern ein bisschen Ordnung um dich herum hältst. Ordnung von außen hilft oftmals auch innen Ordnung zu schaffen. Ich kann z.B. nicht sehr gut arbeiten, wenn mein Platz voller unsortierter Zettel liegt und fühle mich wohler und „sortierter“, wenn nicht ganz so viel um mich rum ist. Aber ich habe auch schon von diesen Zettel-Genies gehört 😉

Warum dieses ganze Reinigen? Je mehr Ablenkung du um dich, in dir und an dir hast, desto weniger kannst du deinen Geist beruhigen und dich auf Dinge konzentrieren. Und Ziel im Yoga ist es ja, Klarheit zu gewinnen.

2. Samtosa

Zufriedenheit

Sei bescheiden und zufrieden. Samtosa bedeutet, eine grundlegend positive Einstellung im Leben zu haben. Und genau, das ist absolut nicht leicht. Auch positives Denken ist eine Übungssache. Das bedeutet nicht, dass du jetzt zu allem Ja und Amen sagen sollst. Aber du kannst dir dein Leben ansehen, und alles Gute darin erkennen, dich darüber freuen und es würdigen – denn dass es dir gut geht, ist nicht selbstverständlich. Das heißt nicht, dass du nicht aktiv mitwirken sollst und alles „nur geschehen lässt“. Sicherlich wirst du auch ein paar Dinge finden, mit denen du nicht zufrieden bist. Und hier habe ich den ultimativen, lebensnahen, gigantischen und so einfachen Weg gefunden, wie du diese Dinge angehst. Vielleicht kennst du diesen Tipp von Gaur Gopal Das. Er verspricht (und ich glaube ihm), dass wenn du dieses Prinzip anwendest, du völlig zufrieden sein kannst.

Ein weiterer Aspekt von Samtosa ist dem Leben mit JA entgegenzutreten und fest zu glauben, dass alles schon zu etwas Gutem führt. Oftmals erkennt man die Nützlichkeit von negativen Erfahrungen erst weit später. Aber du kannst üben, schon vorher der Überzeugung zu sein, dass du nach einer Krisensituation gestärkter sein wirst und dich entwickelt haben wirst. Sieh das positive in den Menschen, die du kennenlernst. Du kannst etwas von ihnen lernen, auch wenn du sie nicht sympathisch findest oder sie ganz anders sind als du. Was jetzt da ist, ist genau das richtige. Alles was jetzt ist, wird mich weiterbringen.

Eine tolle Buchempfehlung dazu – wenn ihr es noch nicht gelesen habt – ist „Der Alchimist“ von Paolo Coelho. Dieses Buch lehrt wirklich positive Einstellung und schafft schon Glücksgefühle beim Lesen.

3. Tapas

Regelmäßigkeit und Disziplin

Finde Regelmäßigkeit in „guten Gewohnheiten“, wie deinen Körper- und Atemübungen, gesunder Ernährung, Schlaf, Arbeit und Erholung. Disziplin ist ein Wort, bei dem wir erstmal erschrecken. Aber du musst hier niemandem gehorchen. Es geht eher darum, eine gewissen Kontinuität der Selbstbeherrschung an den Tag zu legen. Tapas bedeutet Feuer oder Hitze und im übertragenen heißt das auch, alles was du machst mit Hingabe und Herz zu tun. Ebenso bedeutet es die Dinge, die du dir vorgenommen hast, auch wirklich umzusetzen. Der Schweinehund ist ein tolles Beispiel dafür. Sehr schwer zu besiegen. Wenn du ihn nicht besiegst, hast du ein schlechtes Gewissen, weil du weißt was eigentlich gut für dich wäre. Besiegst du ihn, fühlst du dich sehr gut. Und genau das muss nur wiederholt werden, um innere Stärke wachsen zu lassen. Der innere Schweinehund ist eine Blockade, ein Hindernis, was wir haben. Diese müssen wir überwinden, um in Harmonie zu sein. Genauso muss ich mich manchmal auch überreden Yoga zu machen. Ich weiß genau, dass es mir gut tut – auch wenn es nur eine kleine Meditationspraxis oder Atempraxis ist. Und trotzdem steht da manchmal diese Mauer zwischen mir und der Matte. Je öfter ich sie runterreiße, desto kleiner wird sie von mal zu mal. Diese Grenzen können bei verschiedensten Dingen aufkommen und Tapas sagt dir, dass es sich gut anfühlt, sie zu überwinden. So ist Tapas z.B. auch das Ausprobieren neuer Dinge, vor denen du vielleicht Angst hast. Es tut unheimlich gut solche Blockaden zu überwinden.

Niyamas Yoga Tapas
Foto von Ina von Karma Leipzig

4. Svadhyaya

Selbstreflexion

Svadhyaya beginnst du schon mit dem Lesen dieser Texte hier. Es geht um ehrliche Selbstreflexion und Weiterentwicklung. Schau dir deine eigene Entwicklung immer wieder prüfend und ehrlich an. Lerne dich und deine Stärken und Schwächen kennen. Reflektiere dein Verhalten und lerne, warum du so und nicht anders reagierst. Wir sind durch so viele Dinge geprägt: Durch unsere Erziehung, die Beziehung zu den Menschen um uns, durch den Ort an dem wir geboren sind, durch die Kultur und die Weltanschauung mit der wir aufwachsen. Das zu hinterfragen und zu verstehen ist eine Grundlage, um alles weitere zu verstehen. Auch, wenn Verstehen noch nicht heißt, dass wir gelernte Prozesse, Stereotype oder Vorurteile vergessen – es ist der erste Schritt zur Änderung.

Gerade im Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen, ob zu deinen Eltern, anderen Familienmitgliedern oder Freunden habe ich noch einen tollen Tipp (bin noch nicht ganz fertig mit Lesen, aber begeistert!):

Ein weiterer Aspekt von Svadhyaya ist das Studium von alten Schriften. Das heißt nicht, dass du die Bibel lesen sollst. Aber es hilft sich mit Schriften von weisen Menschen oder erleuchteten Meistern auseinanderzusetzen. Mittlerweile gibt es viele Schriften, die dich dabei unterstützen die Welt und dich besser zu verstehen. Und wer lesen nicht so gern mag (gehöre ich dazu…), der kann sich ein Hörbuch runterladen oder Podcasts anhören. Lass dich inspirieren – du musst nicht auf jede Antwort ganz allein kommen. Eine der alten Schriften, die ich sehr empfehlen kann, ist das Yoga Sutra, vor allem die ersten beiden Kapitel.

Niyamas Yoga Philosophie Vertrauen Ishvara Pranidhana

5. Ishvara Pranidhana

Vertrauen und Hingabe

Dieses schwer auszusprechende Wort bedeutet genau übersetzt „Hingabe an Gott“. Doch wie interpretiert man das? Ich störe mich etwas an dem Wort Gott und versuche es für mich universeller auszudrücken. Vertraue, dass alles einen Sinn hat, dass sich alles zum Guten wendet. Vertraue in eine höhere Kraft – wie auch immer du sie nennen möchtest. Universum, Gott, Allah – ihnen liegt allen das gleiche zugrunde. Gib dich dem hin was ist, dem was war, und dem was sein wird. Nimm das Leben an und versuch das schönste daraus zu machen. Hab keine Angst vor der Zukunft. Wenn du alles tust, was für dich möglich ist, musst du in einem Moment den Rest „abgeben“, denn du kannst nicht alles machen und nicht alles beeinflussen. Und du kannst auch nicht jede Möglichkeit durchdenken und Situationen kontrollieren. Gib etwas Kontrolle ab. Nimm das Leben mit offenen Händen entgegen. Der Rest wird von ganz allein. Vertraue. Was zu dir kommen soll, wird zu dir kommen. Für mich ist Ishvara Pranidhana eine ganz tolle Praxis, auch ohne religiös zu sein.


Ob du jetzt Yoga praktizierst oder nicht, du kannst dir auch hier einfach eins der Niyamas aussuchen, an dem du die nächsten Tage und Wochen arbeiten willst. Womit willst du dich beschäftigen? Vielleicht probierst du auch einfach mal etwas neues aus? In meiner Yoga-Ausbildung war das ganz oft eine Aufgabe bis zum nächsten Monat. Probiere etwas aus, was du dir wirklich nicht vorstellen kannst zu tun. Oder lass etwas weg, ohne das du dir nicht vorstellen kannst zu leben (für viele der Kaffee am Morgen). Es ist toll, wenn du solche Dinge mit Freunden zusammen machst und ihr euch über Erfahrungen austauschen könnt.

Du willst mehr wissen?

Wie du siehst, ist Yoga also ziemlich weit weg von reiner Gymnastik und schicken Leggings. Und du musst dafür nicht auf krassen Felsen stehen oder in der Natur sein. Für mich persönlich hat es sich neben der Körper- und Atempraxis, toll angefühlt, mich mit den Yamas und Niyamas zu beschäftigen. Denn hier kann ich mich wirklich hinterfragen und weiterentwickeln. Yoga entwickelt den ganzen Menschen weiter. So, und bevor ich jetzt weiter schwafle, empfehle ich dir noch ein tolles Buch zur Einführung in Yoga

Und wenn du jetzt richtig in die Philosophie eintauchen möchtest, kannst du das Yoga-Sutra lesen (ich nenne es salopp die Bibel des Yoga, wobei es nichts mit Religion zu tun hat). Aus diesem uralten Buch von Patanjali sind diese Wege und Weisheiten entnommen. Ich habe die Version von Desikachar gelesen und fand sie sehr gut erklärt und leicht verständlich. Die 8 Glieder des Yogaweges kannst du dort ab Yoga Sutra 2.29 nachlesen.

Danke fürs Lesen! Du bist toll!

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